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Titel: Evangelische Pfarrer im KZ Mauthausen
Autor: MB
Quelle: www.orf.at vom 9.5.2022

Die Schicksale evangelischer Pfarrer im Konzentrationslager Mauthausen zeichnet ein neues Buch nach, das im Auftrag der Evangelischen Kirche A.u.H.B. in Österreich sowie der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) erschienen ist.

Dokumentiert finden sich darin die Lebensgeschichten von 31 evangelischen Pfarrern bzw. Theologen und fünf Laien aus unterschiedlichen Ländern Europas, die nach Mauthausen verschleppt wurden. 15 von ihnen starben in Mauthausen, im Nebenlager Gusen oder in Hartheim.

„Den NS-Schergen war es völlig egal, woher jemand gekommen ist, ob er evangelisch, katholisch oder orthodox war“, sagte Michael Bünker bei der Präsentation des neuen Buches am Samstag im Wiener Albert Schweitzer Haus. Die Berufsgruppe der Geistlichen sei vom nationalsozialistischen Terror besonders betroffen gewesen, weil sie durch ihren Glauben „letztlich etwas in sich trugen, worauf die NS-Schergen keinen Zugriff hatten“, so der frühere Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche, unter dessen Federführung dieses Forschungsprojekt entstand.
Hinweis

Michael Bünker, Dietlind Pichler (Hg.), Evangelische Pfarrer im KZ Mauthausen. Erhältlich beim Evangelischen Presseverband oder unter Tel. 059 1517 950 sowie im Buchhandel.

Exemplarisch wurden auch die Biografien von fünf Laien, aufgenommen, die in der Erinnerung der Kirchen ihrer Herkunftsländer eine besondere Rolle spielen. Über die Biografien hinaus beschreibe das Buch auch die „antisemitische Vergiftung und deutsch-nationale Durchseuchung“ der Evangelischen Kirche in Österreich „präzise und ohne Beschönigung“.
Bünker: Mauthausen „extrem“

Wer in Konzentrationslagern beim Beten oder mit einer Bibel erwischt wurde, hatte mit dem Tod zu rechnen, schildert Bünker. Mauthausen sei in dieser Frage „extrem“ gewesen, rage hier „unter der ganzen Schreckensherrschaft der Konzentrationslager nochmals besonders schrecklich heraus“. Dennoch versuchten einige, ihren Glauben, die zentrale Motivation ihres Handelns gegen das NS-Regime, auch in Mauthausen zu leben.

Vor der Befreiung des Konzentrationslagers waren in Mauthausen Häftlinge aus 70 Nationen. Die evangelischen Pfarrer kamen aus Polen, Frankreich, Belgien, Italien, Ungarn, aus den Niederlanden, aus der Slowakei, der Schweiz, aus Tschechien, und mit dem gebürtigen Ungarn Zsigmond Varga, der in Wien predigte, war auch ein Pfarrer aus Österreich unter den Opfern.
Zwei Jahre Forschungsarbeit

Maßgeblich beteiligt war an dem Forschungsprojekt die Wiener Historikerin Dietlind Pichler, die das neue Buch gemeinsam mit Michael Bünker im Verlag Evangelischer Presseverband herausgegeben hat. Sie berichtete von einer äußert schwierigen Recherche, da die Berufe nicht in den Datenbanken der KZ-Häftlinge erfasst sind.

Erst die Rückmeldungen der einzelnen Landeskirchen, aus denen die Opfer stammten, hätten die über zweijährige Forschungsarbeit ermöglicht. Das Buch wolle „die Menschen hinter den Nummern sichtbar machen“ und „den Namen eine Geschichte geben“. Die Ergebnisse werden nun auch in öffentliche Datenbanken eingearbeitet, wie etwa dem „Raum der Namen“ der Mauthausen-Gedenkstätte.

„Die Namen haben gefehlt, die Bilder haben gefehlt und die Lebensgeschichten“, sagte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka bei der Präsentation. Das Buch solle „diesem Fehlen zumindest in Teilen ein Ende setzen“. Bei der Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus sei „noch viel zu tun“, denn „nur eine klare Auseinandersetzung mit der Sünde der Vergangenheit ermöglicht Zukunft“.
Evangelische Kirche zwischen 1938 und 1945 „obsolet“

Bezeichnend ist für Chalupka, dass sich bis auf Zsigmond Varga unter den dokumentierten Biografien kein evangelischer Pfarrer aus Österreich befindet. Durch ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus habe sich „die Evangelische Kirche in Österreich zwischen 1938 und 1945 obsolet gemacht“, so der Bischof.

Heute ziehe die Evangelische Kirche „oft ihre Identität aus der Zeit des Geheimprotestantismus und der Verfolgung, als wir Opfer waren“. Das habe schon seine Richtigkeit, sei jedoch nur eine Seite. Chalupka: „Wenn wir Gott danken dürfen, dass es diese Kirche noch gibt, dann deswegen, dass sie nach 1945 wieder einen Platz in der Geschichte dieses Landes gefunden hat.“

Wichtig sei dieses Buch auch für die Familien, aus denen die Pfarrer gekommen sind, die in Mauthausen ihren Glauben gelebt haben. „Es gab eine Zeit zwischen 1938 und 1945, in der das Wort recht verkündet wurde“, auch das sei „bemerkenswert und richtig“.
Lebensgeschichten verbinden Kirchen in Europa

Die Lebensgeschichten, die in dem neuen Buch dokumentiert sind, verbinden auch die Kirchen untereinander, meinte der Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, Mario Fischer: „Wir sehen, was uns verbindet, wenn wir auf unsere Wurzeln schauen.“ Bewusst sei dieses Buch in einer deutschen und einer englischen Ausgabe erschienen, weil es nicht nur um österreichische Geschichte gehe. Das Buch wünscht sich Fischer „in Bibliotheken in ganz Europa“, daraus lasse sich „ein Netzwerk europäischer Geschichte weben“.

Bei der Präsentation lasen Autorinnen und Autoren, Vertreterinnen und Vertreter der beteiligten Kirchen ausgewählte Biografien der Opfer. Musikerinnen und Musiker der Johann Sebastian Bach-Musikschule spielten Werke von Komponisten, die in Mauthausen ermordet wurden. Auch beim Gottesdienst am Sonntag in der Lutherischen Stadtkirche in Wien wurde der Pfarrer in Mauthausen gedacht.

red, religion.ORF.at/epdÖ
Verfasst am: 11.05.22, 11:14
Titel: Gemeinsam beten in der Seestadt
Autor: MB
Quelle: www.orf.at vom 5.5.2022

In der Seestadt Aspern in Wien – mit rund 240 Hektar gegenwärtig Europas größtes Stadtentwicklungsgebiet – soll ein Campus der Religionen entstehen. Doch eine Neuorientierung ist nötig: Denn ein wesentlicher Teil des Projekts, die Integration einer Hochschule, entfällt.
Die vorgesehene Außenstelle der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule (KPH) ist nicht mehr garantiert, der für 2023 geplante Baustart dürfte somit nicht halten. Das interreligiöse Projekt soll nicht nur den Austausch unter den beteiligten Religionsgemeinschaften – Buddhisten, Evangelische Kirche, Hinduisten, Islamische Glaubensgemeinschaft, Israelitische Kultusgemeinde, Neuapostolische Kirche, römisch-katholische Kirche und Sikhs – fördern, sondern ist auch als ein Leuchtturmprojekt gedacht, das wesentlich zur Belebung der Seestadt beitragen soll.

Im Unterschied zu vergleichbaren Projekten wie dem Mehrreligionenhaus „House of one“ in Berlin, dessen Kern ein von der jüdischen, christlichen und islamischen Glaubensgemeinschaft gleichermaßen genutzter Sakralraum bildet, zeichnet sich der geplante Campus durch einen dezidiert städtebaulichen Ansatz aus.

Hochschule kommt doch nicht
Der Entwurf des Wiener Architekturbüros Burtscher-Durig, der 2020 siegreich aus einem Architektur- und Ideenwettbewerb hervorgegangen ist, sieht eine Campusstruktur vor, in der die einzelnen Religionshäuser durch ein Netzwerk offener und durchlässiger Außen- bzw. Stadträume verbunden werden. Die Grundkonzeption sah die Integration einer Außenstelle der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule auf dem Baufeld vor.
Der an Wochentagen konzentrierte universitäre Alltag sollte die sakralen Praktiken am Wochenende ergänzen und so eine durchgängige Belebung des Campusareals fördern. Dem Vernehmen nach hat die KPH aus diversen Gründen den Standort für eine Dependance wieder aufgegeben. Das bedeutet nun, dass eine Adaption des Raumprogramms nötig ist. Aus städtebaulicher Sicht wäre die Integration einer vergleichbaren Funktion, die unter der Woche die Bespielung des Campus garantiert, wünschenswert.

Mögliche Synergien in der Raumnutzung zwischen den einzelnen Religionsgemeinschaften und der Hochschule waren von Anfang an zentraler Bestandteil des Projekts. Multifunktionale, auch interkonfessionell nutzbare Räume und eine Mensa sollen als Orte der kulturellen Begegnung fungieren.

Architekt Harald Gnilsen, Vorsitzender des Vereins Campus der Religionen und leitender Baudirektor des Bauamts der Wiener Erzdiözese, weist in diesem Zusammenhang auch auf die aus dem religiösen Verständnis abgeleitete „Schöpfungsverantwortung" hin, die alle Glaubensgemeinschaften teilen. Diese umfasse auch den sorgfältigen und sparsamen Umgang mit Ressourcen.

Sorgfalt im Ausloten von Synergien
Im Vorfeld des Wettbewerbs wurden in einer Reihe von Workshops, an denen Vertreter der Stadt, der Religionsgemeinschaften und der KPH beteiligt waren, Synergiepotenziale ausgelotet. Geleitet wurde dieser Prozess vom renommierten Architekturbüro nonconform, das sich unter anderem auf die Betreuung partizipativer Planungsprozesse spezialisiert hat.
Das schwedische Architekturbüro Tovatt Architects & Planners, das für den Masterplan der Seestadt Aspern verantwortlich zeichnet, stellte den Diskutanten erste Baumassenstudien zur Verfügung. Früh war klar, dass der ursprünglich angedachte Park mit „Religionshäusern“ aufgrund des umfangreichen Programms auf dem vorgesehenen Grundstück zwischen U-Bahn-Trasse und See nicht realisiert werden kann und einem verdichteten und somit auch urbaneren Konzept werde weichen müssen.

Die gemeinsam erarbeiteten Wünsche an das Raum- und Funktionsdiagramm flossen in die Wettbewerbsausschreibung ein, zudem die Vorgabe einer durchlässigen Campusstruktur, die sich auch zum Umfeld, etwa zum benachbarten Schulcampus, öffnen sollte, und auch die Idee eines gemeinsamen Dachs. Dieses sollte sich später im Siegerprojekt von Burtscher-Durig als eine alles umspannende, schattenspendende Pergola materialisieren. Auch ein zentraler gemeinsamer Platz, der zufällige Begegnungen ermöglichen sollte – ein weiteres Ergebnis der Ideenfindung -, fand in die räumliche Konzeption von Burtscher-Durig Eingang.

Eigenständigkeit und Gemeinschaft
Generell scheint das Konzept einer „Einheit in der Vielfalt“ ein vielversprechender Ansatz zu sein. Er setzt auf die Koexistenz von neutralen Gemeinschaftsflächen und differenziert gestalteten Sakralräumen, die der Ausübung sehr spezifischer und auch von Religion zu Religion divergierender Rituale, Raumanforderungen und Symbolik dienen. Die Rollenzuschreibung des zugänglichen, allen Stadtbewohnern offen stehenden Zwischenraums als gemeinsamer Nenner ist ein geschickter Schachzug.
Durchlässige und für alle zugängliche Stadträume weisen einen hohen Freiheitsgrad auf und eröffnen so einen Potenzialraum für Begegnung und Austausch. Gemeinsame Feste im Stadtraum sind geplant und würden nicht nur den interreligiösen Dialog, sondern auch niederschwellig die Einbeziehung von Anrainern und Stadtbewohnern ermöglichen.

Das urbane Versprechen der Seestadt
Die im Entstehen begriffene Seestadt Aspern – über ein Viertel des neuen Quartiers wurde bereits realisiert – ist ein Teilgebiet der Donaustadt, die wiederum als 22. Wiener Gemeindebezirk Teil der Stadt Wien ist. So entpuppt sich auf jeder Maßstabsebene das Versprechen eines städtischen Raum- und Gesellschaftszusammenhangs, der gewöhnlich mit der Vorstellung verdichteter und viel frequentierter Stadträume verbunden ist.

Die Seestadt, die nach Fertigstellung rund 25.000 Bewohnerinnen und Bewohner und 20.000 Arbeitsplätze zählen soll, kann diesen Wunschbildern wohl nur nahekommen, wenn es gelingt, Anziehungspunkte ins Quartier zu integrieren, die auch Donaustädter und Wiener, die nicht in der Seestadt wohnen, zum Aufsuchen der Seestadt motivieren. Öffentliche Einrichtungen, die viele Menschen ansprechen, anziehen und in Bewegung setzen, spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Nicht weit vom Bauplatz der Campus der Religionen entfernt wurde vor Kurzem die Kulturgarage eröffnet – eine interessante Mischung aus Hochgarage, Volkshochschule und Veranstaltungszentrum. Das Gebäude stellt einen potenziellen Anziehungspunkt dar, der seine tatsächliche Reichweite, die stark von der Programmierung abhängen wird, erst unter Beweis stellen muss.

Zwischen Autonomie und Abhängigkeit
Das stadträumliche Setting, das dem Masterplan der Seestadt durch den Zuschnitt der Straßen, Plätze und Freiräume eingeschrieben ist, ist ein betont städtisch-urbanes, dessen Realisierung von einer hohen Nutzungsfrequenz im öffentlichen Raum abhängig ist.

Vorstädte und Randquartiere großer Städte entfalten ihren Charakter zwangsläufig im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Abhängigkeit von der Mutter- bzw. der Kernstadt. Das Branding der Seestadt, das auf das Modell einer „Stadt in der Stadt“ setzt und das sich auch in der räumlichen Konfiguration des Masterplans, der mit seiner Seemitte und Ringstraße das Stadtzentrum der Donaumetropole zitiert, ist ein Versprechen wie auch ein Wagnis.

Zum Autor
Andre Krammer ist Architekt und Urbanist in Wien. Er lehrt und forscht zurzeit am Forschungsbereich Städtebau der Technischen Universität Wien.

Randquartiere anderer Großstädte haben allerdings oft erst über die Zeit hinweg an Charakter gewonnen, etwa die römischen Vororte, die „borgate“, die italienischen Regisseuren des Neorealismus wie Pier Paolo Pasolini und Luchino Visconti als Kulissen ihrer Filme dienten, gerade weil sie sich vom historisch gewachsenen Stadtzentrum in der Künstlichkeit, die Planstädten eigen ist, unterscheiden. Die Retortenstadt kann erst in einem langwierigen Prozess durch ihre Bewohner angeeignet werden.

Plurale Identität
Auch in anderen Städten wie Bern, Hannover und Berlin sind in den letzten Jahren „Häuser der Religionen“ eingerichtet worden, die dem interkonfessionellen Dialog eine räumliche Plattform geben. Aus der Dynamik zwischen Differenz und Übereinkunft wird ein Annäherungspotenzial abgeleitet, das einer konkreten räumlichen und institutionellen Einbettung bedarf.

Das Spannende am Wiener Projekt ist der Ansatz, über das Einhausmodell als Raumkonzept hinauszugehen und auf eine Öffnung zum Stadtraum hin zu setzen. Urbane Räume schlechthin sind potenzielle Austragungsorte von Konflikten, stellen aber oft auch Orte, in denen ein emanzipatorischer Umgang mit Differenz erprobt und möglich gemacht werden kann.

Neuorientierung nach Pandemie
Coronavirusbedingt waren in den letzten Monaten persönliche Treffen der Vertreter der Religionsgemeinschaften nur eingeschränkt möglich. Der Ausstieg der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule, der eine Neuorientierung in der Programmatik und im Raumkonzept erfordert, stellt eine zusätzliche Herausforderung in der Genese des Projekts dar. Es wäre wohl nicht nur aus der Innen-, sondern auch aus der Außenperspektive wünschenswert, dass der Umsetzungsprozess fortgesetzt wird.

Für die Seestadt selbst und auch für die Stadt Wien wäre der interreligiöse Campus ein neuer Hotspot und zugleich ein im besten Fall wegweisender grenzüberschreitender Modellversuch, der Schule machen könnte. Am Sonntag, 24. April, wurde auf dem Baufeld in der Seestadt eine multireligiöse Kundgebung für den Frieden in Europa bzw. der Ukraine veranstaltet. Vielleicht war das schon der Auftakt für eine Renaissance des Projekts.

Andre Krammer, für religion.ORF.at
Verfasst am: 09.05.22, 09:24